Am Ulmer Hauptbahnhof verzögert sich das neue elektronische Stellwerk ESTW weiter. Auch 2027 nimmt die Deutsche Bahn die Anlage wohl nicht in Betrieb. Grund sind fehlende Sperrpausen und komplexe Prüfungen im Bahn-Projekt Stuttgart-Ulm. Deshalb steuert weiterhin anfällige Technik von 1967 den Zugverkehr für täglich 40 000 Reisende.
Laut Stellwerksdatenbank regelt seit Juni 1967 ein Relaisstellwerk vom Typ Sp Dr S60 den Knoten Ulm. Im 60. Jahr der Inbetriebnahme wird die Ersatzteil-Versorgung immer schwieriger, die Störungen immer häufiger. Im Juni 2025 legte ein Ausfall den Bahnhof vier Stunden lahm, weitere Störungen prägten das Jahr 2025. Auch 2026 traten bereits zwei mehrstündige Totalausfälle im Februar und April auf, mehrere kleinere Defekte störten den Betrieb ebenfalls, zuletzt am 12. Oktober die Verbindungen zur Südbahn und ins Illertal. Im Februar 2026 evakuierte die Feuerwehr dabei 200 Fahrgäste aus einem auf freier Strecke festhängenden Zug.
Eigentlich sollte das neue Stellwerk schon im Dezember 2022 starten. Im Januar 2026 erledigte die Bahn während einer Teilsperrung nur Vorarbeiten. Wie beim Großprojekt Stuttgart 21 kämpft die Projektgesellschaft mit tausenden Sensoren, Stellmotoren und Signalen bei fehlendem Prüfpersonal und derzeit fehlendem verbindlichen Zeitplan. „Der Zeitpunkt der Inbetriebnahme des neuen ESTW in Ulm steht aktuell noch nicht fest“, sagt jetzt ein Bahnsprecher auf unsere Anfrage.
Für den Wechsel muss die Bahn das alte Stellwerk komplett abschalten. Ein Bahnsprecher betont: „Für die Realisierung des ESTW sind für 2027 keine eigens dafür vorgesehenen Sperrpausen angemeldet.“ Große Sperrpausen, also Unterbrechungen des gesamten Zugverkehrs, muss die Bahn jedoch 18 bis 24 Monate vorab für den Netzfahrplan anmelden, um die Züge entsprechend umleiten zu können oder Ersatzverkehre mit Bussen zu planen. Ein Start vor 2028 gilt damit als ausgeschlossen.
Auch wenn Ulm ein neues elektronisches Stellwerk bekommt, so ist dies nur eine Zwischenlösung mit konventionellen Signalen neben den Gleisen. Die Steuerung über das „European Train Control System“ ETCS wie auf der Neubaustrecke Stuttgart-Wendlingen-Ulm und im künftigen Bahnknoten Stuttgart 21 ist damit noch nicht realisiert und scheint vor der Landesgartenschau 2030 unmöglich.