DRK Ulm - Helfer vor Ort: Streit um neues Gesetz - längere Hilfszeiten und schlechtere Versorgung

Längere Hilfszeiten und schlechtere Versorgung

In Ulm sorgt eine Änderung im Rettungsdienst für Streit: Das Land will Helfer-vor-Ort seltener alarmieren. Das Deutsche Rote Kreuz warnt vor längeren Hilfszeiten und schlechterer Versorgung von Notfallpatienten. Eine Petition fordert den Verzicht auf die neuen Einschränkungen

Das Land Baden-Württemberg hat den Rettungsdienstplan geändert. Künftig sollen Helfer-vor-Ort-Gruppen (HvO) seltener alarmiert werden. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Ulm kritisiert die Pläne scharf. Sie befürchten eine schlechtere Versorgung von Notfallpatienten. Die neuen Regeln sollen ab sofort gelten. Sie betreffen das ganze Bundesland. Die Änderung soll die ehrenamtlichen Helfer entlasten. Doch viele sehen darin eine Geringschätzung ihrer Arbeit.

Die neuen Regelungen sehen eine strikte Kopplung der Alarmierung an Einsatzstichworte vor. In vielen Fällen würden HvO-Gruppen nicht mehr automatisch mitalarmiert. Dazu zählen Verkehrsunfälle, Schlaganfälle oder Stürze. „Diese Einschränkung kann im Ernstfall wertvolle Zeit kosten“, erklärt der Ulmer DRK-Geschäftsführer Tobias Schwetlik. Die Helfer seien oft in wenigen Minuten vor Ort. Sie überbrücken die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes. Eine Schwächung dieses Systems verschlechtert die Patientenversorgung spürbar. Die Helfer-vor-Ort-Systeme gibt es seit vielen Jahren. Sie werden komplett ehrenamtlich getragen. Qualifizierte Kräfte leisten schnelle Hilfe in der Nachbarschaft. Das kostet das Gesundheitssystem nichts.

Prof. Dr. med. Björn Hossfeld, Sprecher der Leitenden-Notarzt-Gruppe Ulm, erklärt die Hintergründe. Das Land habe Notfallkategorien eingeführt. Kategorie 1 seien lebensbedrohliche Notfälle. „Da schicken wir auch Ersthelfergruppen hin“. Andere Notfälle seien in Kategorie 2 und 3 eingeteilt. Dort sehe das Land keinen dringenden Bedarf für Ersthelfer. Hossfeld gibt aber zu bedenken: „Dringend kann man unterschiedlich definieren“. Er nennt das Beispiel einer alten Dame. Sie stürzt und bricht sich den Oberschenkel. Das sei kein lebensbedrohlicher Notfall der Kategorie 1. Aber die Frau liege in der Kälte. Es sei gut, wenn schnell jemand mit einer Decke komme.

Wertschätzung für das Ehrenamt

Hossfeld glaubt nicht, dass das Land Böses im Sinn hatte. Man wollte die Ersthelfer wohl nur zu dringenden Fällen schicken. „Aber dringend kann man unterschiedlich definieren“. Die Sorge sei groß, dass das Ehrenamt nicht mehr wertgeschätzt werde. Das sei die falsche Botschaft. „Wir brauchen sie weiterhin, wir wollen sie auch weiterhin einsetzen“. Man müsse mit den Helfern reden. Sie hätten jahrelang Gutes für ihre Mitmenschen getan. Ihnen das Gefühl zu geben, nicht gebraucht zu werden, sei falsch.

Das DRK Ulm sieht weitere Probleme. Neben der schlechteren Versorgung befürchtet der Verband eine Demotivation der Ehrenamtlichen. Ein bewährtes System werde geschwächt. Zudem zeige die Erfahrung, dass Einsatzstichworte aus Notrufen nicht immer die Lage widerspiegeln. „Gerade vermeintlich harmlose Meldungen können sich vor Ort als lebensbedrohliche Notfälle herausstellen“. Der DRK Kreisverband fordert den Verzicht auf die geplante Einschränkung. Dazu gibt es auch eine Online-Petition.

Hossfeld ist zuversichtlich, eine Lösung zu finden. Die Leitstelle in Ulm könne die Helfer weiterhin sinnvoll einsetzen. So, dass die Patienten davon profitieren. Er betont aber auch die Grenzen der ehrenamtlichen Helfer. Zu Einsätzen mit Gefahrgut oder bei Suizidandrohungen würden sie nicht geschickt. Das sei auch in der Vergangenheit so gewesen. „Da haben wir aber auch zu solchen Lagen auch in den letzten 20, 30 Jahren keine Ersthelfer hingeschickt“. Der Schutz der Helfer vor Überforderung sei wichtig. Dennoch sei ihr Beitrag unverzichtbar. Der Appell an die Politik ist klar: Die bewährten Strukturen müssen erhalten bleiben. Es gehe um die bestmögliche Versorgung der Bevölkerung.

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