Am Theater Ulm beginnt eine neue Zeit: Greta Călinescu ist als neue Intendantin und Schauspieldirektorin eingestiegen. Sie übernimmt auch nicht irgendein Haus: Mit 385 Jahren Geschichte ist das Theater Ulm das älteste Stadttheater Deutschlands – und erstmals steht eine Frau an seiner Spitze.
Für Ulm ist sie dabei alles andere als eine Unbekannte. Die 1988 geborene Călinescu wuchs in Blaustein-Herrlingen auf und machte in Ulm ihr Abitur. Danach führte sie ihr Weg über verschiedene Theaterstationen unter anderem nach Mannheim und Nürnberg. Im November 2024 wählte sie der Ulmer Gemeinderat zur Nachfolgerin von Kay Metzger.
Und irgendwie hat man bei ihr nicht das Gefühl, dass mit dem neuen Amt plötzlich auch eine neue Rolle gespielt werden muss.
Greta Călinescu kann man auch mal ganz unspektakulär im Herrlinger Supermarkt treffen oder im T-Shirt an der Ulmer Donau. Das ist unsere eigene Wahrnehmung – und sie passt zum Eindruck, den die neue Intendantin vermittelt.
Nahbar, authentisch und unaufgeregt. Gleichzeitig wirkt sie sehr klar in dem, was sie mit dem Theater vorhat. Kein demonstratives Chefgehabe, keine künstliche Distanz. Eher jemand, der ein großes Haus übernimmt, ohne deshalb gleich abzuheben.
Dieses Understatement steht ihr gut – und macht neugierig darauf, wie sich das auf der Bühne bemerkbar macht.
Ihre erste Spielzeit steht unter dem Motto „Schwüre“. Der Bezug zum Ulmer Schwörmontag ist offensichtlich. Gleichzeitig geht es um Versprechen, Verantwortung, Loyalität – und darum, was passiert, wenn solche Schwüre gebrochen werden.
Und der Spielplan bietet einige ziemlich gute Gründe, dem Theater mal wieder eine Chance zu geben.
Da wäre zum Beispiel „Spaceman“. Die Geschichte basiert auf dem Roman „Spaceman of Bohemia“ von Jaroslav Kalfař – genau dem Stoff, den Netflix 2024 mit Adam Sandler und Carey Mulligan verfilmt hat. Jetzt bringt Călinescu die Geschichte selbst in Ulm auf die Bühne. Es geht um einen einsamen Astronauten, eine rätselhafte Mission im All und ziemlich irdische Fragen über Liebe, Vergangenheit und das eigene Leben.
Die Uraufführung ist am 18. September im Podium. Entstanden ist die Inszenierung in Kooperation mit dem Institut für Medieninformatik der Universität Ulm. Dabei kommen sogar AR-Brillen zum Einsatz. Die Hauptrolle des Astronauten Jakub übernimmt Vincent Furrer.
Wer den Netflix-Film kennt, kann also direkt vergleichen, was Theater aus derselben Geschichte macht. Und wer ihn nicht kennt, bekommt Science-Fiction einmal nicht auf dem Bildschirm, sondern wenige Meter entfernt auf einer Ulmer Bühne.
Regional wird es ebenfalls: „Stehaufmädchen“ erzählt die Geschichte der Ulmer Boxweltmeisterin Rola El-Halabi und feiert am 2. Oktober Uraufführung.
Dazu kommen die großen Klassiker. Schon am 17. September startet das Schauspiel im Großen Haus mit Shakespeares „Wie es euch gefällt“.
Die Uraufführungen von „Spaceman“ und „Stehaufmädchen“ sind übrigens schon ausverkauft – für spätere Vorstellungen gibt es aktuell aber noch Tickets.
Călinescu scheint das Theater Ulm also nicht einfach komplett auf links drehen zu wollen. Klassiker bleiben – gleichzeitig kommen neue Stoffe, moderne Formen und Geschichten mit direktem Bezug zur Region dazu.
Gerade für alle, die beim Wort „Theater“ zuerst an schwere Kost und einen sehr langen Abend denken, könnte diese Spielzeit interessant werden. Netflix-Stoff, Science-Fiction, eine Ulmer Sportgeschichte und Shakespeare liegen plötzlich ziemlich nah beieinander.
Ob Călinescus Konzept aufgeht, wird sich natürlich erst zeigen. Ihr Start wirkt aber vielversprechend: authentisch, nahbar und mit einer spürbaren Lust darauf, Neues auszuprobieren.
Eine Frage hätten wir trotzdem noch: Wann bekommt „König Ubu“ endlich seinen großen Auftritt am Theater Ulm? Ganz fremd ist der Stoff dem Haus nicht: 2009 brachte der Jugendclub des Theaters schon „Ubu F.“ nach Alfred Jarry auf die Bühne. Die mehr als 125 Jahre alte Satire über Macht, Größenwahn und einen grotesken Herrscher wirkt heute verblüffend aktuell. Zu einer neuen Intendanz, die Klassiker neu versteht, würde Ubu jedenfalls ziemlich gut passen. Und als Schauspieldirektorin hätte Greta Călinescu mit Gunther Nickles vielleicht sogar schon eine mögliche Traumbesetzung im eigenen Haus …
Bis dahin sind wir gespannt, welche Handschrift Greta Călinescu dem Theater Ulm tatsächlich geben wird. Der Start macht jedenfalls neugierig. Wir wünschen ihr viel Erfolg für die erste Spielzeit – und natürlich viel Glück für alles, was jetzt kommt.