Es ist ein ewiges Streitthema: Frauen beklagen sich darüber, oftmals kein Gehör beim anderen Geschlecht zu finden und Männer sind der ewigen Vorwürfe überdrüssig. Aber sind Männer tatsächlich so schlechte Zuhörer, wie es ihr Ruf vermuten lässt? Oder lässt sich diese Debatte vielmehr auf ein Geflecht an biologischen und sozialen Faktoren zurückführen? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, lohnt sich ein Blick in die Biopsychologie.
Prof. Dr. Johannes von Gehlen ist Lehrbeauftragter der Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Neu-Ulm. Darüber hinaus forscht er intensiv im Bereich der Biopsychologie. Er erklärt, dass Männer und Frauen verschiedene Kommunikationsstile pflegen. Grund dafür seien Unterschiede in der geschlechterspezifischen Kognition. Gehirnscans würden zeigen, dass die Gehirnareale, die beim Zuhören beansprucht werden, bei Männern und Frauen auf unterschiedliche Weise aktiviert sind. Im Gegensatz zu Frauen abstrahiert das männliche Gehirn stärker zwischen relevantem und sogenanntem „Noise“. Folglich können sie Informationen, die sie für irrelevant halten, besser ausblenden. Auf diese Wiese können Informationen im Kommunikationsprozess von Frau zu Mann schneller verloren gehen.
Auch soziale Faktoren spielen in der Interaktion und Kommunikation zwischen den Geschlechtern eine bedeutende Rolle. Aufgrund tradierter Stereotype erlerne man bereits von klein auf, die Geschlechter mit bestimmten Charaktereigenschaften zu assoziieren, so Prof. Dr. Michaela Eßbach. Während Männer mit Eigenschaften wie Führungsstärke verknüpft werden, werden Frauen eher mit Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft in Verbindung gebracht. Weiter erklärt sie, dass Männer länderübergreifenden Studien zufolge tendenziell mit jenen Eigenschaften assoziiert werden, die in der jeweiligen Kultur als besonders tugendhaft gelten. Wenig verwunderlich ist es daher, dass Männern in sozialen Kontexten mehr Kompetenz zugeschrieben wird, weshalb man ihnen verhältnismäßig mehr Aufmerksamkeit und Gehör schenkt. Dies manifestiert sich laut Michaela Eßbach insbesondere im beruflichen Kontext.
Nicht zuletzt lohnt es sich mit der Sexual- und Paartherapeutin Dr. Regine Breier einen Blick auf heterosexuelle Beziehungen zu werfen. Ihr zufolge wird die männliche Eigenschaft, vermeintlich überflüssige Informationen in ausschweifenden Erzählungen der Partnerin auszublenden, oft zur Belastung für das gemeinsame Miteinander. Im Ernstfall könne das unerfüllte Bedürfnis der Frau nach Gehör und Sichtbarkeit zur Trennung führen. Doch so weit muss es gar nicht kommen. Es gibt nämlich auch Anlass zum Optimismus.
Zugegeben, die Lage scheint verzwickt. Schließlich handelt es sich um ein tief in unserer Gesellschaft und DNA verwurzeltes Problem. Doch es gibt einige vielversprechende Ansätze, um das gegenseitige Verständnis zu fördern. Regine Breier gibt ihren Klientinnen und Klienten beispielsweise die 5-5-Methode an die Hand. Dabei sprechen beide Partner jeweils fünf Minuten ohne Unterbrechung über die Themen, die ihnen auf dem Herzen liegen. Wichtig ist dabei, dass der zweite Partner nicht auf die Äußerungen des ersten eingeht, sondern seine eigenen Anliegen beschreibt. Prinzipiell betonen alle drei Interviewpartner, dass das A und O der stetige, gemeinsame Austausch sei. Anstatt sich zurückzuziehen und den Kontakt mit dem anderen Geschlecht zu meiden, ist es essenziell, aufeinander zuzugehen. So können beide Parteien langfristig voneinander lernen und von den Fähigkeiten des anderen profitieren. Auch auf den Straßen Ulms gewinnt man schnell den Eindruck, dass viele Menschen – sowohl jung, als auch alt – am respektvollen Dialog interessiert sind. Die meisten sind sich der gesellschaftlichen Herausforderung bewusst und bemühen sich in ihrem Umfeld um mehr gleichberechtigten Austausch. Ein allmählicher Wandel ist also in Sichtweite.