Dutzende Schaulustige erlebten am Wochenende in Ulm einen besonderen Brückenabriss. Der Riesen-Kran hob das erste, 380 Tonnen schwere Stück aus der Wallstraßenbrücke. Eine massive Verzögerung sorgte für eine unerwartete und stimmungsvolle Abenddramaturgie. Der Beton der alten Brücke hatte sich hartnäckig gegen die Sägearbeiten gewehrt. Projektleiter Gerhard Fraidel nahm die unplanmäßige Entwicklung mit Humor. Die spektakulären Kranarbeiten begannen so erst mit mehreren Stunden Verspätung.
Der ursprüngliche Plan sah den ersten Aushub für 11.30 Uhr am Freitagvormittag vor. Doch die eingesetzte Technik spielte zunächst nicht wie gewünscht mit. Vor allem die nördliche der beiden Seilsägen stockte immer wieder. Sie hing hartnäckig im festen Beton der Brückenkonstruktion fest. "Der Beton wehrt sich", kommentierte Projektleiter Gerhard Fraidel die Lage locker. Die vielen Zuschauer an den Aussichtspunkten brauchten daher sehr viel Geduld. Sie warteten stundenlang am Heckenbühl und an der Kienlesbergbastion. Erst nach 17 Uhr war es dann endlich so weit.
Das lange Warten sollte sich aber für alle Anwesenden auszahlen. Besonders die zahlreichen Fotografen profitierten von dieser großen Verzögerung. Statt greller Mittagssonne und schwierigem Gegenlicht erlebten sie ein malerisches Szenario. Die langsam untergehende Sonne tauchte die gesamte Szenerie in ein warmes, gelbliches Licht. Dieses sanfte Streiflicht schuf perfekte Bedingungen für wirklich eindrucksvolle Fotos. Langsam und im Zeitlupentempo schwebte das Betonteil schließlich in der Luft. So vermied der Kranführer geschickt gefährliche Schwingungen des 380 Tonnen schweren Elements.
Nach einer guten halben Stunde war das riesige Brückenteil sicher am Boden. Der erfahrene Kranführer hatte nur wenige Zentimeter Spielraum bei seiner Arbeit. Er navigierte das gewaltige Element äußerst präzise aus der entstandenen Lücke. Während des Schwebens bot sich den Menschen ein seltener und faszinierender Anblick. Die Zuschauer konnten in den offenen Hohlkasten der Brücke blicken. Der innere Aufbau der alten Spannbetonbrücke wurde so für alle sichtbar. Am Boden warteten bereits zwei große Bagger auf ihren Einsatz.
Sie zerlegten den Betonkasten sofort mit ihren starken Betonscheren. Mehrere Lastwagen transportierten die Brocken auf das nahegelegene Moto-Areal. Dort steht eine Recyclinganlage für den anfallenden Bauschutt bereit. Wertvoller Stahl wird dabei vom Beton getrennt und anschließend wiederverwertet. Aus den großen Betonbrocken werden kieselsteingroße Stücke gemacht. Über 98 Prozent des Materials sollen auf diese Weise wiederverwendet werden. Ein Großteil davon kommt direkt beim anstehenden Brückenneubau zum Einsatz.
Auch eine Sonderführung für Gemeinderäte fand am Freitagmittag statt. Sie sahen wegen der Verzögerung aber noch kein Loch in der Brücke. Unter ihnen war auch der Stadtrat Klaus Kopp mit lebhaften Erinnerungen. Er hatte als 10-jähriges Kind den Bau der Brücke an gleicher Stelle miterlebt. Nun drängt der Zeitplan für den gesamten Abriss des Bauwerks. Für den Aushub eines Teils sind jeweils sechs Stunden geplant. Gearbeitet wird an sieben Tagen in der Woche jeweils 24 Stunden. Bis zum 10. April müssen die Gleise unter der Brücke wieder frei sein. Dann wird auch das riesige und komplexe Stützgerüst wieder abgebaut sein.