Die Stadt Ulm bereitet sich auf einen Ernstfall vor. Im Donaustadion und auf dem angrenzenden Kunstrasenplatz gibt es 15 Verdachtspunkte. Dort könnten Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg liegen. Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes hatten Luftbilder ausgewertet. Sie suchten gezielt nach alten Bombentrichtern. Ein Bodenradar untersuchte zusätzlich die Struktur des Untergrundes. Von Mittwoch bis Freitag graben die Experten nun an den markierten Stellen. Sie wollen sehen, was sich dort wirklich im Boden befindet. Bis Freitag soll feststehen, ob und wo Kampfmittel liegen. Handelt es sich um konventionelle Aufschlagzünder, bleibt genug Zeit. Die Entschärfung könnte dann in Ruhe am Sonntag stattfinden. Gefährlicher sind chemische Langzeitzünder. Hier kann der Kontakt mit Sauerstoff eine sofortige Reaktion auslösen. Eine umgehende Entschärfung wäre dann notwendig.
Rund 2.000 Anwohner müssten ihre Häuser verlassen. Der Evakuierungsradius beträgt voraussichtlich 300 Meter um das Stadion. Auch einzelne Häuser auf der Neu-Ulmer Donauseite könnten betroffen sein. Für alle Bewohner ohne andere Unterkunft steht die Messehalle bereit. Die Stadt hat bereits Postwurfsendungen vorbereitet. Ein Bürgertelefon ist eingerichtet und beantwortet Fragen. Die städtischen Kanäle in den sozialen Medien werden laufend aktualisiert. „Wir sind vorbereitet“, sagt Sven Vrancken, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ulm. Die genaue Größe des Evakuierungsgebietes hängt davon ab, "wie groß und wie tief die Bombe ist", so die Stadt. Ein detaillierter Plan folgt nach den Grabungsergebnissen.
Zwei besondere Einrichtungen liegen im möglichen Evakuierungsbereich. Es sind die Justizvollzugsanstalt (JVA) und die Bethesda Klinik. Die JVA Ulm ist mit derzeit rund 125 Gefangenen im offenen Vollzug belegt. Eine Evakuierung erfordert immense Vorbereitungen. Es gehe um den sicheren Transport der Insassen, so Leiterin Jennifer Rietschler. Diese würden mit Bussen in andere Anstalten verlegt. Ein solcher Einsatz erfordert viel zusätzliches Personal. Die Bevölkerung sei aber nicht betroffen. Alle Vorgänge spielten sich vollzugsintern ab.
Deutlich komplexer ist die Situation für die Bethesda Klinik. Geschäftsführerin Judith Barth dachte im ersten Moment: „Oh nein.“ Doch sofort danach folgte die Entschlossenheit: „OK, machen wir. Ist höhere Gewalt, tun wir.“ Der erste Gedanke galt den Patienten und Bewohnern. Eine Unterbringung in der Messehalle schloss die Klinikleitung sofort aus. „Das ist für eine Klinik und für ein Seniorenheim keine Option“, erklärte Barth . Stattdessen werden komplette Stationen verlegt. Die Uniklinik, das Bundeswehrkrankenhaus, die Donauklinik und das Krankenhaus Blaubeuren helfen. Sie stellen Betten, teilweise komplette Stationen, zur Verfügung. Judith Barth ist von der Hilfsbereitschaft überwältigt. „Ich bin wirklich beeindruckt, welche Kollegialität und Professionalität in dieser besonderen Situation zu spüren ist“, sagt sie. Auch Tagespflegeeinrichtungen von ASB und DRK boten ihre Räume zur Betreuung der Pflegeheimbewohner an.
Die Klinik informierte zuerst die Angehörigen per Brief. Danach folgten persönliche Gespräche. Die Reaktionen waren durchweg verständnisvoll und kooperativ. Von den normalerweise rund 250 Menschen am Standort müssen bei einer Evakuierung 140 verlegt werden. Dies betrifft Patienten der Akutklinik, der Rehaklinik und Bewohner des Pflegeheims. Das Wichtigste sei die ununterbrochene Versorgung. Deshalb geht das Personal mit den Patienten in die Zielkliniken. „Unser Personal wird vor Ort sein und die Versorgung auch dort ausführen, wie immer“, so Barth. So treffen die Patienten auf vertraute Gesichter. Das schafft Stabilität in einer fremden Umgebung.
Besonders herausfordernd ist die Lage für demenziell erkrankte Patienten. Manuel Groß ist einer ihrer Pfleger. Das Wort Evakuierung könne schlimme Erinnerungen wecken, sagt er. „Man muss immer sehr zugewandt sein, Vertrauen schenken, Geborgenheit vermitteln und Sicherheit“, erklärt Groß. Das Pflegepersonal arbeitet mit Validation. Dabei werden die Patienten in ihrer Gefühlswelt abgeholt. Man lenkt sie in eine positive Richtung, ohne zu lügen. So fühlen sie sich geborgen und können mit der Situation besser umgehen. Auch Angehörige helfen dabei sehr. Ihre bekannten Gesichter vermitteln zusätzlich Sicherheit. Für den Transport stehen rund 50 Fahrzeuge und 160 Einsatzkräfte bereit. Ein riesiger Aufwand, um für alle die beste Lösung zu finden.