Wie der Bodensee zur Rüstungshochburg wird

Zeppeline, Urlauber, aber auch Panzer und Raketen

Rund um den Bodensee brummt die Rüstungsindustrie, neue Jobs entstehen. Doch nicht jeder sieht den Militär-Boom unkritisch.

Bekannt ist der Bodensee vor allem als idyllische Urlaubsregion mit Zeppelinen und Segelschiffen. Doch an den Ufern reihen sich auch wichtige Standorte für die Rüstungsindustrie. Hinter Zäunen und Werksmauern arbeiten Menschen an Motoren für Panzer, an Flugabwehrsystemen, an Technologien für Verteidigungsstrategien und Einsatzpläne.

Namhafte Unternehmen wie Diehl Defence, Airbus Defence and Space, Rheinmetall und Rolls-Royce Power Systems produzieren und entwickeln am Bodensee Wehrtechnik. Die Region zählt neben Bayern und NRW sowie den Werften an Nord- und Ostsee zu den wichtigsten im Land für die Branche. Und die boomt gerade.

Panzermotoren sorgen für Rekorde

Im Zentrum steht in Friedrichshafen der Großmotorenhersteller Rolls-Royce Power Systems, vielen noch unter der Marke mtu bekannt. Das Tochterunternehmen eines britischen Konzerns produziert Antriebe für Schiffe, Energieanlagen – und für Militärfahrzeuge wie den Schützenpanzer Puma. 2025 erwirtschaftete der Konzern einen Umsatz von 5,72 Milliarden Euro. Vorstandschef Jörg Stratmann sprach von einem Rekordjahr und einer sehr guten Auftragslage.

Die gestiegene Nachfrage der Bundeswehr und anderer Staaten macht sich direkt in der Region bemerkbar. Rolls-Royce Power Systems hatte erst kürzlich zusätzliches Personal gesucht und sich Beschäftigte vom angeschlagenen Autozulieferer ZF in Friedrichshafen «ausgeliehen». Geplant ist nun auch ein neues Werk, dass 2028 fertig sein soll.

Gefragtes Flugabwehrsystem Iris-T kommt auch vom Bodensee

Ein zweiter zentraler Akteur am Bodensee ist Diehl Defence mit seinem Standort in Überlingen. Diehl ist unter anderem wegen seiner Luftabwehrsysteme bekannt. Die Iris-T-Systeme des Herstellers gehören zu den modernsten Luftabwehrwaffen weltweit und sind auch in der Ukraine im Einsatz.

Die Rüstungssparte des Nürnberger Diehl-Konzerns steigerte ihren Umsatz im vergangenen Jahr um rund 60 Prozent auf etwa 1,8 Milliarden Euro – mit weiter steigender Tendenz. Am Bodensee sollen bis 2030 rund 2.000 neue Jobs entstehen, auch neue Fertigungsflächen sind in Arbeit.

Neue Panzer-Fabrik geplant

Der internationale Rüstungskonzern General Dynamics European Land Systems (GDELS) baut in der Bodensee-Gemeinde Immenstaad einen neuen Standort für die Herstellung von Radpanzern des Typs Piranha. Mit einem feierlichen Spatenstich fiel im Dezember der offizielle Startschuss für das Projekt: Auf einer Fläche von rund 10.000 Quadratmetern entsteht eine Produktionshalle mit angeschlossenen Büro- und Sozialbereichen.

Bis Ende 2026 sollen rund 100 Beschäftigte mit der Montage der Radpanzer beginnen. Auftraggeber ist die Bundeswehr. Sie hatte GDELS Ende Oktober damit betraut, mit dem Radpanzer «Luchs 2» ein neues Spähfahrzeug für die Heeresaufklärungstruppe zu liefern. Der Auftrag für die Bundeswehr hat ein Volumen von rund drei Milliarden Euro.

Standorte von Airbus und Rheinmetall

Auch in Immenstaad ist der Standort von Airbus Defence and Space, an dem neben Satelliten auch an militärischen Flugzeugen und Aufklärungssystemen gearbeitet wird. Es entstehen etwa Mobile Hospitäler. Seinen berühmten Eurofighter-Kampfjet montiert der Hersteller im oberbayerischen Manching. Kunden sind Streitkräfte auf der ganzen Welt.

Auch die aus einer früheren Sparte des Airbus-Konzerns 2017 hervorgegangene Hensoldt AG, die Sensor- und Radarsysteme herstellt, hat neben München und Ulm auch einen Sitz in Immenstaad. In Stockach – mehr als 30 Kilometer westlich – betreibt Rheinmetall Soldier Electronics ein Werk. Dort freute man sich erst im Dezember über einen Rekordauftrag der Bundeswehr in dreistelliger Millionenhöhe für Laser-Licht-Module.

Warum ist die Industrie am Bodensee?

Das liegt unter anderem an der Luftfahrtindustrie, die mit dem Zeppelin eine lange Tradition am Bodensee hat. Im ganzen Bundesland sei die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie breit aufgestellt und über das ganze Land verteilt, erklärte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums.

Schätzungen der Tübinger Informationsstelle für Militarisierung zufolge gibt es in Baden-Württemberg mehr als 120 Unternehmen in der Rüstungsbranche, verteilt auf über 70 Standorte – Tendenz steigend. «Immer mehr Unternehmen versuchen damit Geld zu verdienen», sagte Andreas Seifert, der die Informationsstelle mitgegründet hat.

Verein kritisiert Ausbau der Industrie

Baden-Württemberg gehöre neben Bayern zu den Bundesländern, die hoffen, was vom «Rüstungskuchen» abzubekommen. Seitdem die Branche aus der «Schmuddelecke» raus sei, werde offener über das Geschäft gesprochen. Der gemeinnützige Verein, den es seit den 90er Jahren gibt, gehört zu den Kritikern der Rüstungsindustrie und will das Bewusstsein für die Verzweigungen in der Branche fördern.

Viele der Firmen würden in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit Luft- und Raumfahrt, Maschinenbau oder Elektronik verbunden. Ein Teil ihrer Produkte geht jedoch direkt oder indirekt in militärische Anwendungen.

(von Aleksandra Bakmaz, dpa)

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