In Biberach entsteht mit einem geplanten KI-Filmfestival ein neues Format, das 2026 parallel zu den bekannten Biberacher Filmfestspiele stattfinden soll. Während die Filmfestspiele seit Jahrzehnten für ein klassisches, kuratiertes Kinoprogramm stehen, setzt das neue Festival bewusst auf einen anderen Ansatz. Beide Festivals laufen vom 25. Oktober bis 1. November 2026. Die Filmfestspiele finden dann zum 48. Mal statt, das KI-Filmfestival feiert seine Premiere. Das weckt Erinnerungen.
Die Biberacher Filmfestspiele verstehen sich als etabliertes Publikumsfestival mit klarer Struktur und einem Fokus auf erzählerische Qualität. Dieses Profil ist über Jahrzehnte gewachsen und prägt das Festival bis heute.
Auf Anfrage erklärte das Filmfest-Team, man habe keine Kenntnis von einem geplanten Parallelfestival gehabt. Man habe das Vorhaben zur Kenntnis genommen und betone, das eigene Festival stehe seit fast 50 Jahren für ein klar kuratiertes Programm, bei dem die erzählerische Qualität und der Austausch mit dem Publikum im Mittelpunkt stehen. Dieses Profil verfolge man unabhängig von anderen Formaten weiter. Man freue sich zwar über jede Belebung der Innenstadt, aktuell gebe es aber keine Kooperation. Der Fokus liege auf dem eigenen Programm, das sich bereits in der Einreichungsphase befinde.
Das neue KI-Filmfestival will sich dagegen als experimentelles Parallelformat positionieren. Geplant ist ein offenes Konzept mit Schwerpunkt auf Künstlicher Intelligenz im Film, neuen Produktionsformen und einem stärker diskursiven Ansatz. Anders als das klassische Festival soll es nicht im Kino stattfinden, sondern in einer Buchhandlung – also in einem kleineren, bewusst anderen Rahmen.
Die gleichzeitige Existenz beider Formate erinnert an frühere Brüche in der Festivalgeschichte der Stadt. Schon Anfang der 2000er Jahre gab es mit dem BIFF (Biberach Independent Film Festival) ein kleineres Filmfest, das zeitweise parallel zu den großen Filmfestspielen lief und sich vor allem digitalen und experimentellen Kurzfilmen widmete. Auch dieses Festival verstand sich als Gegenpol oder Ergänzung zum etablierten Programm, führte aber auch zu Irritationen, wenn unklar war, welches Festival welche Rolle einnimmt.
Neu war beim BIFF damals der Fokus auf frühes digitales Filmemachen – also Filme, die nicht mehr analog auf Filmrollen, sondern mit neuen digitalen Werkzeugen entstanden und in klassischen Festivals noch kaum eine Rolle spielten. Gleichzeitig verstand es sich als Plattform für Arbeiten abseits des Mainstreams, während auch die Biberacher Filmfestspiele traditionell für Filme jenseits des reinen Massengeschmacks stehen.
Heute zeigt sich ein ähnliches Spannungsfeld, allerdings unter veränderten Vorzeichen. Während das frühere BIFF eher aus der Kurzfilm- und Digitalszene heraus entstand, greift das neue KI-Festival ein aktuelles technologisches Thema auf: den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Filmemachen. Im Kern steht dabei die Frage, wie KI das Filmemachen selbst verändert – nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Entstehung, Gestaltung und Rolle der Filmschaffenden.
Trotzdem bleibt die Grundfrage vergleichbar: Wie viel Parallelstruktur verträgt ein Festivalstandort, ohne dass Profil und Wahrnehmung verwässert werden?
Dazu kommt, dass die Biberacher Filmfestspiele selbst in den vergangenen Jahren einen deutlichen Wandel erlebt haben. Nach organisatorischen Umbrüchen und einem Neustart mit neuer Leitung hat sich das Festival wieder stärker auf sein klassisches Profil konzentriert und erfolgreich stabilisiert.
Vor diesem Hintergrund wirkt das neue KI-Filmfest, aktuell ebenfalls in der Einreichungsphase, weniger wie eine Ergänzung im Sinne einer Kooperation, sondern eher wie eine eigenständige zweite Festivalidee im selben Zeitraum und am selben Ort. Genau diese Nähe bei gleichzeitiger inhaltlicher und struktureller Trennung macht die aktuelle Situation in Biberach besonders dynamisch – und potenziell konfliktgeladen, aber auch kreativ offen.
Es bleibt spannend!