Die SPD Baden-Württemberg steckt nach der Landtagswahl in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Mit nur 5,5 Prozent erzielte die Partei ihr schlechtestes Ergebnis im Ländle – ein historisches Debakel. SPD-Landespolitiker, Jusos und die Parteibasis sehen darin jedoch auch eine historische Chance für einen echten Neuanfang: mit frischen, starken Gesichtern und einer Führung, die die Basis wieder ernst nimmt.
Sascha Binder, der neue Fraktionsvorsitzende, trägt nach Ansicht vieler Mitglieder eine Mitverantwortung für das Wahldebakel. Als ehemaliger Generalsekretär der Landes-SPD leitete er den Wahlkampf, kündigte zunächst Konsequenzen an, wollte sich aus parteiinternen Ämtern zurückziehen – und ließ sich nur zwei Tage später zum Fraktionsvorsitzenden wählen. Die Jusos sehen darin ein falsches Signal und fordern seinen Rücktritt, auch weil Binder zuvor bereits andere Parteispitzen für schlechte Ergebnisse kritisierte. Spitzenkandidat Andreas Stoch hatte seinen Rücktritt schon angekündigt.
Die SPD-Landtagsfraktion hält dagegen. Fraktionsvize Stefan Fulst-Blei betont den „großen Rückhalt“ für Binder und bezeichnet die einstimmige Wahl als Vertrauensbeweis. Doch die Basis ist stinksauer: Viele Mitglieder fühlen sich übergangen und sehen keine ernsthafte Aufarbeitung des Wahlkampfs. Stattdessen werde weiter „wie immer“ gehandelt.
Der Ex-Bundestagsabgeordnete und SPD-Kreisvorsitzende Robin Mesarosch aus Sigmaringen fasst die Stimmung der Basis in einem viral gehenden Video zusammen. Er kritisiert „miserable Kommunikation“, „keine Strategie“ und einen „historisch unterirdischen Wahlkampf“ – und ruft die Mitglieder auf, sich für einen echten Neuanfang zu engagieren.
Wir werden seit Jahren verarscht! (Robin Mesarosch)
Zahlreiche Kommentare bestätigen seine Position: Gefordert werden Menschen mit Energie und Verantwortung, die die Partei wieder auf Kurs bringen – wie Mesarosch selbst.
Auch die Initiative „Mehr Diplomatie wagen – Baden-Württemberg“, zu der die prominente Ulmer Parteilinke Hilde Mattheis gehört, fordert einen personellen und inhaltlichen Neuanfang. Mattheis betont, dass diejenigen, die für das Wahlergebnis verantwortlich sind, ihre Verantwortung übernehmen müssten, statt die letzten Posten unter sich aufzuteilen. Die Initiative sieht das Wahlergebnis als Weckruf für eine schonungslose Analyse und setzt auf neue Konzepte und mehr Erneuerung.
Die kommenden Tage und Wochen werden zeigen, ob die Landespartei diese historische Chance nutzt. Landespolitiker, Jusos und die Basis fordern eine ehrliche Aufarbeitung, frische Gesichter und klare Erneuerung, während die Führung wohl weiter versucht, den Status quo zu stabilisieren.
Die Stimmung ist eindeutig: ohne echte Veränderungen droht die Krise, die Partei weiter zu lähmen. Wird die „Chance in der Krise“ genutzt?